Schadstoffe beim Bauen im Bestand
Herausforderungen professionell lösen

Die diesjährigen Schadstoffgespräche widmeten sich ganz dem Thema Schadstoffe beim Bauen im Bestand. Unter einem praxisnahen Blickwinkel wurden drei Schwerpunkte beleuchtet: zirkuläres Bauen, Asbestsanierungen und Radon.
Zirkulär gedacht weiterbauen
Ein Praxisbeispiel aus Winterthur – mit Nachtrag
Anja Schelling von RWPA Architekten zeigte anhand des Umbaus des Industriegebäudes «Lagerplatz Winterthur», wie der Bau mit wiederverwendeten Bauteilen (Reuse) in der Praxis funktioniert. Das Ziel des Projekts war es, wo immer möglich auf neue Bauteile zu verzichten. So wurden die bestehenden Strukturen möglichst erhalten und durch bestehende Bauteile – wie etwa Radiatoren, Fenster und Sanitärobjekte – von anderen Rück- oder Umbauprojekten ergänzt.
Zwei Learnings hält Anja Schelling fest: Einerseits steigt durch die Wiederverwendung von Bauteilen der Aufwand für die Planung und Montage stark an. Die Bauteile müssen gefunden, gesichtet, beschafft und teilweise gelagert werden. Und nur selten kann ein Fund den gesamten Bedarf abdecken. Daraus folgt, dass die Bauteile meist nicht einheitlich sind, was in der Montage kreative und situationsangepasste Lösungen verlangt. Sämtliche Beteiligte müssen bereit sein, den Mehraufwand als auch die Geduld für dieses Vorgehen aufzubringen. Zweitens, und das folgt aus Punkt eins, dürfen keine allzu grossen Kosteneinsparungen durch die Wiederverwendung erwartet werden. Zwar fallen die Beschaffungskosten für die genutzten Bauteile tiefer aus, dafür steigen die Aufwände für Planung, Suche und Lagerung. Für das Projekt in Winterthur liegt die definitive Rechnung noch nicht vor, es wird aber mit vergleichbaren, bis leicht tieferen Kosten wie bei einem Projekt ohne Wiederverwendung gerechnet.
Die Motivation für ein Bauprojekt mit wiederverwendeten Bauteilen ist also nicht ökonomischen Ursprungs, sondern entspringt einer ideellen Überzeugung. So werden insbesondere ökologische Argumente genannt. Doch ist der Umweltnutzen tatsächlich vorhanden? Der Carbotech Nachhaltigkeitsexperte Gerrit Hinkel hat in einem Nachtrag entsprechende Abschätzungen präsentiert:
Reuse ist nicht automatisch die nachhaltigste Lösung. Steigen der Aufbereitungsaufwand, das Gewicht oder die Transportdistanzen (oder alle drei), sinkt der ökologische Nutzen deutlich. Besonders attraktiv wird die Wiederverwendung hingegen bei Bauteilen mit hohem Herstellungsaufwand, hoher Standardisierung oder teuren ökologischen Entsorgungskosten. Befinden sich die Elemente zudem in gutem Zustand, ist Wiederverwendung meist die klar nachhaltigere Wahl.
Neben dem zusätzlichen Aufwand in Planung und Montage gibt es bei Reuse-Projekten auch im Bereich der Schadstoffe besondere Anforderungen, wie Noa Zoller von Carbotech in einem weiteren Nachtrag erläuterte. Bei Reuse-Projekten konzentriert sich die Schadstoffuntersuchung darauf, ob ein Bauteil für die weitere Nutzung oder auch die Umnutzung geeignet ist. Je nachdem, wofür ein Bauteil später eingesetzt werden soll, fällt die Prüfung unterschiedlich aus. Nicht nur gesundheitsgefährdende Stoffe, sondern auch Faktoren wie starke Gerüche oder Verschmutzungen können eine Wiederverwendung ausschliessen.
So gelingt die Asbestsanierung
Stolpersteine und Herausforderungen – Erfahrungsberichte
Asbest war aufgrund seiner technischen Vorteile lange ein verbreiteter Baustoff, ist aber seit 1990 in der Schweiz verboten. Gebäude mit Baujahr vor 1990 unterstehen bei baulichen Eingriffen einer Untersuchungspflicht.
Dominic Stähly von Carbotech beleuchtete in seinem Vortrag die typischen Herausforderungen bei Asbestsanierungen. So sind beispielsweise Sanierungen im bewohnten Zustand aufgrund der nötigen Abschottungen und Zutrittsregelungen deutlich anspruchsvoller und kostenintensiver. Auch Zusatzfunde während der Arbeiten können Mehraufwand verursachen. Diese treten häufig auf, da das historische Asbestvorkommen oft inkonsequent war. Selbst innerhalb desselben Gebäudes wurde Asbest teils Farbanstrichen oder Fliesenklebern beigemischt und an anderer Stelle nicht.
Ein zentraler Erfolgsfaktor ist die frühzeitige Berücksichtigung aller potenziellen Stolpersteine. So lassen sich Risiken reduzieren, Kosten realistisch planen und Sanierungen sicher durchführen.
Radon: ungesund und unsichtbar
Fallbeispiele aus Um- und neubauprojekten
Der Vortrag von Dino Gisi von Carbotech rückte einen Schadstoff in den Fokus, der oft übersehen wird: Radon. Trotz seiner Unsichtbarkeit und Geruchlosigkeit ist Radon nach dem Tabakkonsum die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs. Es entsteht im Boden aus dem natürlichen Zerfall von Uran und gelangt über Undichtigkeiten in Gebäude, wo es sich unbemerkt anreichern kann.
Seit 2018 gelten in der Schweiz verbindliche Grenzwerte für Wohn- und Arbeitsräume. Die bisherigen Messungen zeigen, dass mehr als jedes zehnte Gebäude zu hohe Werte aufweist. Die Radonkarte des Bundes liefert zwar Hinweise, doch laut Dino Gisi sagt der Standort allein wenig aus: Direkt nebeneinander liegende Gebäude können völlig unterschiedlich belastet sein.
Werden Grenzwerte überschritten, reichen die möglichen Massnahmen von einfachem Lüften über Abdichtungen bis hin zu technischen Lösungen wie Radondrainagen oder mechanischen Lüftungssystemen. Besonders effektiv ist die frühzeitige Integration von Radonschutz bei Neubauten, da diese Massnahmen einfach, kostengünstig und dauerhaft wirksam sind.
Mit diesem Blick auf einen oft unterschätzten Schadstoff schloss der fachliche Teil der Veranstaltung ab.
Der anschliessende Apéro bot die Gelegenheit, die Erkenntnisse gemeinsam zu reflektieren und sich in entspannter Atmosphäre weiter auszutauschen.